Ich komme von da hinten…

Erschienen am 2. Februar 2020 in Allgemein

Johannes Haack

 

Ein seltsam gekleidetes Männlein war da früh morgens auf unseren Zeltplatz gestolpert. Roter Mantel in barockem Stil, darüber eine weiße Perücke, sichtlich verwirrt. Er käme, so sagte er uns, von da hinten und wies mit großer Geste in Richtung des Sees. Sei jenseits des kleinen Sees aufgewacht und hungrig wie er war losspaziert. Sein Name aber, oder woher genau er kam, war ihm nicht zu entlocken.

Im August haben sich knapp hundert Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf den Weg gemacht, um für eine Woche im Pfadfinderdorf Zellhof das diesjährige Bezirkslager zu erleben. Mit zwei Bussen ging es vom Obermain in Franken an den Mattsee bei Salzburg. Von dort stammte, wie wir später erfuhren, auch unser verwirrter Besuch.

Zunächst aber galt es, die Schlafzelte aufzubauen und uns im Lager einzurichten. Auch gibt es auf dem internationalen Pfadfinderzeltplatz jede Menge zu entdecken. So kann man Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus ganz Europa kennenlernen, Halstücher tauschen oder der brennenden Sonne zumindest für kurze Zeit mit einem Sprung in den angrenzenden See entfliehen.

Verloren wie unser namenloser Besucher war, nahmen wir ihn kurzerhand in unserer Lagergemeinschaft auf und er konnte sich direkt tatkräftig beim Bau verschiedener Lagerbauten einbringen. So entstand für die Mahlzeiten ein gigantisches Sonnendach in den Farben der DPSG und aus einer frisch lackierten Felge wurde eine in einem Dreibein aufgehängte Oh…bermain-Lagerglocke.

In anderen Workshops konnten an den ersten beiden Tagen T-Shirts und Taschen gebatikt oder Mozartkugeln produziert werden. Eine weitere Gruppe hat den ganzen Tag über gesägt, gehämmert und gefeilt und eine Vielzahl von Musikinstrumenten gebaut. Einige Pfadis und Rover haben in einem weiteren Workshop Feuer entzündet und dann am Lagerfeuer, an dem seit jeher Geschichten weitergegeben werden, über die Produktion von Nachrichten und Fake News diskutiert. In diesem Rahmen haben sie als Team einer Lokalzeitung, PR-Team eines bekannten Künstlers oder Videobloggerinnen selbst kurze Beiträge erarbeitet und die Ergebnisse verglichen.

Am Abend dann, als sich alles um das Lagerfeuer versammelt hatte und gemeinsam gesungen und gespielt wurde, da erinnerte sich unser verwirrter Besuch, angeregt von der Musik, plötzlich wieder an seinen Namen: Wolfgang Amadeus hatte man ihn gerufen. Selbstverständlich zögerten wir, ihm abzunehmen, einen solch absonderlichen Namen zu tragen. Aber ob er nun keinen oder diesen Namen trägt, tut nichts groß zur Sache und so war er von nun also Wolfgang Amadeus.

Doch leider war nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen (Letztere gab es tatsächlich gar nicht und das bei ansonsten ganz phänomenaler Verköstigung durch das Küchenteam!). Bereits der dritte Tag verlangte der Gruppe einiges ab. Neben einem fiesen Sturm, den es zu überstehen galt, erkrankten im Verlauf der nächsten zwei Tage so viele Kinder und Leiterinnen und Leiter, dass wir uns gezwungen sahen, das Lager kurz nach dem Bergfest abzubrechen.

Wir alle wissen, wie schwierig die Zusammenarbeit in einem Bezirk, jenseits der eingespielten Stammestraditionen, zwischen Land und Stadt und großen und kleineren Stämmen manchmal sein kann. Gerade in den angespannten Situationen des Lagers– storming phase extreme – hat sich aber auch gezeigt, wie reibungslos die Bezirksleiterrunde zusammenarbeiten kann. Unter Druck entstehen Diamanten, heißt es. Diesen Diamanten können wir alle aus Österreich mit nach Hause nehmen.

Da wir es dann nicht wie geplant nach Salzburg geschafft haben, um unserem Wolfang Amadeus eine Unterkunft zu suchen, haben wir ihn kurzerhand zu uns eingeladen und mit dem Bus an den Obermain gebracht, wo er nun ein ruhiges Leben zwischen den fränkischen Hügeln lebt. Er soll, so wurde auf der letzten Bezirksversammlung berichtet – ganz beeindruckt vom Gesang der Pfadfinderinnen und Pfadfinder – angefangen haben, kurze Musikstücke zu schreiben. Das erste hat er unserem Bezirksvorstand Mirko gewidmet zum Dank für die tolle Organisation des Lagers und für das Durchhalten unter Umständen, die viele andere in die Knie gezwungen hätten! Dieses Bezirkslager wird in die Geschichte des Obermains eingehen wie kein anderes.

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